Eintrag 8: Woah, schon fünf Monate um (warum vergeht die Zeit so schnell?!)

Anderthalb Monate nach dem letzten Artikel melde ich mich aus der Funkstille zurück. Updates auf der Website gab es nicht, weil es nichts zu berichten gäbe. Nein, im Gegenteil: die letzten anderthalb Monate waren so erlebnisreich, dass ich schlicht nicht zum Schreiben gekommen bin. In den nächsten Wochen möchte ich nicht nur, die Erlebnisse des neuen Jahres teilen, sondern auch den ein oder anderen Artikel aus dem letzten Jahr veröffentlichen, der bisher halbfertig auf meiner Festplatte lag. Heute gebe ich aber eine kurze Übersicht über die vergangenen Monate.

 

 

Wie alles begann...

 

 Erster Eindruck von Phnom Penh aus dem Flieger

Am 22. August stiegen vier junge Leute aus Deutschland in ein Flugzeugmit dem Ziel Kambodscha um dort einen weltwärts-Freiwilligendienstzu absolvieren. Die vier Freiwilligen würden die nächsten zwölf Monate in NGO’s in Kambodscha mitarbeiten und viel über ein Land lernen, deren Sprache sie zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal kannten.

Ausflug zum Unabhängigkeitsdenkmal in der ersten Woche (links ist unsere Landesmentorin Lim, rechts ist Anika, eine junge Kambodschanerin, die beim Seminar mitgeholfen hat und in der Mitte wir, die vier neuen Freiwilligen) (Bild von Limheang Brak)

Einer dieser Freiwilligen bin ich. Kaum etwas wusste ich über Kambodscha, als ich hier ankam. Nur ein wenig Allgemeinwissen aus dem Reiseführer. Auch in Khmer, der Sprache Kambodschas, kannte ich höchstens drei oder vier Wörter. Die größten Bildungslücken zu Kambodscha wurden im Ankunftsseminar, fast direkt nach der Ankunft, geschlossen. Dank eines Kurses gehen unsere Sprachkenntnisse über „Hallo,“ „Danke“ und „Tschüss“ hinaus. Mittlerweile kann ich manche Alltagssituation ganz ohne Englisch meistern. Ein wenig geschmeichelt fühlt man sich schon, wenn einem der Verkäufer, nach dem man drei Minuten Smalltalk mit ihm geführt hat, fragt, wie viele Jahre man schon in Kambodscha lebe. Woher soll mein Gegenüber denn auch wissen, dass sich mein Wortschatz spätestens nach fünf bis zehn weiteren Gesprächsminuten erschöpfen würde ;)


WG, Gastfamilie, Wohnung

Der Tuol Tumpoung Markt ("Russischer Markt") nahe der Wohnung

Den ersten Monat lebten meine Mitfreiwilligen und ich gemeinsam in einer WG im angesagten und recht internationalen Stadtteil Tuol Tumpoung. Danach verteilten wir uns in verschiedene Richtungen. Amala ging nach Siem Reap (das ist die Stadt mit den berühmten Tempeln, wie Angkor Wat), Paul blieb zunächst in der WG-Wohnung (mittlerweile wohnt er in einem anderen Stadtteil), So und ich zogen zu einer kambodschanischen Gastfamilie in Tuol Tumpoung. Die Gastfamilie hatte auch in den Jahren zuvor schon Freiwillige aufgenommen. Mit dem Gastbruder und einem Nachbarn spielte ich ab und zu abends Badminton. Die Gastmutter war oft relativ beschäftigt, manchmal begegnete man sich aber doch und quatschte kurz. Längere Gespräche mit der Gastmutter waren aber aufgrund der Sprachbarriere nur möglich, wenn der Gastbruder dolmetschte. Ende Oktober zog dann auch die Gastoma bei uns ein. Die Gastoma hat mehrere erwachsene Kinder, bei denen stets die Tür offen für sie ist. Als Respektsperson der Familie kann sie bei jedem ihrer Kinder einziehen und auch wieder ausziehen, wann immer sie möchte. Eigentlich ganz cool.

In den drei Monaten, die ich mit der Gastfamilie lebte, lernte ich viel über den Alltag einer Familie der kambodschanischen Mittelschicht. Mittlerweile wohne ich jedoch seit einem knappen Monat alleine in einer anderen Wohnung. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass in Kambodscha die Kinder oft sehr stark behütet werden, auch wenn sie erwachsen sind. Und so lange ich bei der Familie lebte, sei ich wie ein Sohn für sie, meinte meine Gastmutter. Meine Gastmutter machte sich Sorgen, wenn ich Abends rausging, um mich mit Freunden zu treffen. Die erste Zeit durfte ich Abends ausgehen und sollte einfach immer die Gastfamilie darüber informieren, wo ich bin und wann ich zurück sein würde. Jedoch wurde mir nach etwa zwei Monaten gesagt, dass ich spätestens um 10 Uhr Abends zuhause sein sollte. Dies ist in Kambodscha gar nicht so unüblich, weil kambodschanische Eltern ihre Kinder oft sehr stark behüten. Für mich war so eine strenge Regelung allerdings keine Option. Da wir keinen Kompromiss finden konnten, entschied ich mich dazu, im Guten auseinanderzugehen. 


Über den Dächern Phnom Penhs: Ausblick aus meiner neuen Wohnung

Anfang Januar zog ich in eine eigene Wohnung um, die sich im selben Haus, wie die alte WG-Wohnung befindet. Eigentlich miete ich in der zwei-Zimmer Wohnung nur ein Zimmer, das andere Zimmer ist allerdings aktuell noch frei, weshalb ich richtig viel Platz habe. Das Beste ist allerdings die Aussicht vom Balkon! Die Miete ist zwar ein wenig teurer als bei der Gastfamilie, bewegt sich aber immer noch im Rahmen dessen, was Brot für die Welt übernimmt.



Arbeit bei KCD

Die Arbeit nimmt natürlich eine besonders wichtige Rolle im Freiwilligendienst ein. Ich fühlte mich eigentlich von Anfang an bei meiner Arbeitsstelle in der NGO „Khmer Community Development“ (KCD) wohl. Die Atmosphäre ist locker und familiär. Die Kollegen kennen und wertschätzen sich. Anfangs fühlte ich mich bei der Arbeit jedoch deutlich unterfordert. In den ersten anderthalb Monaten bekam ich kaum Aufgaben und musste mir quasi selber überlegen, wie ich die Arbeitszeit herumkriege. Mittlerweile hat sich das aber deutlich verbessert! Ich konnte in verschiedene Projekte reinschnuppern und bin drei Projekten regelmäßig eingebunden.

In dem „Vulnerable Women’s Project“ geht es darum eine Strategie zu entwickeln, um das Leben von besonders benachteiligten Frauen zu verbessern. Das sind vor allem ältere alleinstehende Frauen, die trotz hohen Alters arbeiten müssen, um mit ihrem meist niedrigen Einkommen Kinder und Enkel zu versorgen. Das Motto des Projekts lautet: „Hilfe zur Selbsthilfe“, es soll eine Methode entwickelt werden, die darauf abzielt, Zielgruppen dabei zu unterstützen, selbstständig Lösungen oder Verbesserungen für ihre Situationen zu finden. Sollte das dabei entstehende Modell erfolgreich sein, könnte es als Blaupause auch für Projekte anderer NGO’s eingesetzt werden, so die Hoffnung KCD’s.


Außerdem bin ich in gleich zwei Projekten als „Englischlehrer“ aktiv:

Einen Sonntag im Monat begleite ich einen Kollegen zu einem Treffen eines Child-Clubs, einer Jugendgruppe, die von KCD initiiert wurde und begleitet wird. In einem Vorort von Phnom Penh, gebe ich für etwa zehn Jugendliche einen zusätzlichen Englischunterricht. Mit Spielen und Gruppenarbeiten versuche ich die Jugendlichen dazu zu animieren auf Englisch zu sprechen. Eigentlich lernen sie in der Schule schon diese Fremdsprache, es fehlt ihnen aber oft an Selbstbewusstsein und Sprechübung. Daran versuche ich zu arbeiten.



Unterrichten an der Grenze zu Vietnam

 

 

Schule in Kambodscha

Vor dem Unterricht darf der Fahnenappell nicht fehlen! Wie in den USA ;)

Außerdem verbringe ich eine Woche im Monat (von Sonntag bis Freitag) in einem kambodschanischen Dorf mit dem Namen Prek Chrey, an der Grenze zu Vietnam, wo ich den Englischunterricht an einer öffentlichen Middle School (in etwa Sekundarstufe I) unterstütze.

Erst vor einem halben Jahr Abi gemacht und nun wieder in der Schule... Wie schnell das manchmal geht!

Ich versuche zwar möglichst interaktive Lehrmethoden zu verwenden, aber auch bei mir ist etwas mehr Frontalunterricht angesagt, als mir eigentlich lieb wäre. Bei einer Klassengröße von bis zu 60 Kindern, geht es nicht ganz ohne diesen. 

Dafür, dass die Klassen so groß sind, sind die Schüler aber erstaunlich ruhig und Unterricht ist möglich. Leider ist es kaum möglich, wirklich alle zu erreichen, aber die die nicht interessiert sind, stören den Unterricht nicht. Das Englischniveau variiert allerdings extrem stark. Einige wenige Schüler nehmen zusätzlichen Privatunterricht und können ziemlich gut Englisch, teilweise besser als Schüler an deutschen Schulen der selben Klassenstufe. Bei vielen ist aber nach „Hello“ und „How are you?“ Schluss, ob in der siebten, achten oder neunten Klasse. Ich habe das Gefühl, dass meistens einfach das Curriculum durchgearbeitet wird, egal wie viele auch tatsächlich mitkommen (oder abgehängt werden). Ich soll eigentlich auch den Themen aus dem Buch folgen, aber ganz oft muss ich einen großen Schritt zurückgehen, weil vielen Lernenden die Grundlagen fehlen. Wie soll ich jemandem das Gerundium erklären, der nicht sagen kann, was sein Lieblingsfach ist?

Beim Unterrichten in Prek Chrey werde ich vom Englischlehrer Won (Mitte) und meinem Kollegen Chan (Rechts) unterstützt

Der Englischunterricht macht mir aber trotz, oder gerade wegen, der Herausforderungen viel Spaß. Und ich muss ihn auch nicht alleine machen, sondern bekomme Unterstützung vom richtigen Englischlehrer und meinem Kollegen Chan (ausgesprochen Djann oder Dschann), die z.B. Sachen auf Khmer übersetzen.

Eine Woche im Monat reicht nicht aus, um kurzfristig riesige Verbesserungen in der Sprache der Schüler zu erreichen. Mein Ziel beim Unterrichten, ist ohnehin vor allem, das Interesse an der englischen Sprache zu wecken. Wenn die Schüler mal Kontakt zu einem Ausländer hatten und sich mit ihm auf Englisch unterhalten mussten, dann sehen sie die Vorteile, die das Wissen einer Fremdsprache mit sich bringt und sind vielleicht motiviert die Sprache, auch außerhalb des Unterrichts, weiterzulernen.



Dorfleben in Kambodscha

Dorfleben 1: rechts vom Weg befindet sich die Schule, links die Pagode

Dorfleben 2: die Pagode im zarten Licht des Sonnenaufgangs 

 

Dorfleben 3: Felder, Kühe, Kälber

Vieles im Dorf erinnert mich an die Erzählungen meines Uropas, wenn er von seiner Kindheit vor 90 Jahren in Deutschland erzählt. Auch er ging in eine Dorfschule, in der 60 Kinder in eine Klasse gingen (Vor einem halben Jahr hätte ich mir nicht vorstellen, wie so eine große Klasse funktionieren soll, es geht aber doch besser, als gedacht). Damals arbeiteten die meisten Leute in der Landwirtschaft. In Kambodscha stehen auch heute die Menschen vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang auf den Reis- und Maisfeldern und in den Gemüse-, Bananen- und Kokosplantagen. Einige wenige schaffen es in die große Stadt, auf die Universität. Im Lokal an der Ecke, in dem ich immer Frühstücke, treffen sich morgens die selben fünf Leute (darunter zwei Dorfpolizisten) zum Kaffeetrinken am Stammtisch. 

Dorfleben 4: in meinem "Stammlokal" gibt es morgens immer Reis mit gebratenem Schweinefleisch, dazu Spiegelei und eingelegte Mango. Und natürlich der beste Kaffee der Welt.

Im Gegensatz zu früher kommen die Kinder hier aber nicht zu Fuß und nur selten mit dem Fahrrad, sondern hauptsächlich per Moped zur Schule. Man ist alt genug um Moped zu fahren, wenn die Füße, wenn man auf dem Moped sitzt, halbwegs den Boden berühren können. Aber auch das ist kein Muss. Auf den Feldern wird zwar auch immer noch viel per Hand gearbeitet, doch der Dünger wird mittlerweile manchmal sogar per Drohne verteilt. Am Stammtisch wird keine Zeitung gelesen, sondern Tiktok geschaut. Und abends dröhnt aus vielen der Holzhäuser Karaokemusik.

 

Dorfleben 5: Mopeds auf dem Schulhof

 

Dorfleben 6: Sonnenuntergang 

Ich bin gerne auf dem Land. Das Leben ist hier langsamer und eng mit der Natur verwoben. Außerdem ist es viel persönlicher. Man kennt sich – und mich als einzigen Barang (weißen Ausländer) sowieso. Ich bin aber auch gerne in der Stadt und schwimme auf dem klapprigen Fahrrad durch den hektischen Verkehr zum nächsten Kaffee, zum Platz vor dem Königspalast oder zu irgendeiner Kulturveranstaltung.



Herausforderungen – Kulturschock (war da was?)

Natürlich gab es in den vergangenen fünf Monaten auch Herausforderungen. Diese waren aber vor allem psychologischer Natur. Gerade in der Anfangszeit merkte ich, dass ich weniger offen für die neuen Erfahrungen war, als ich es von mir erwartet hätte. Der Verkehr, die komplett fremde Sprache, eine Kultur die nahezu gar keine Verbindung zu Deutschland oder Russland hat, all das waren Sachen mit denen ich, auch bei vorherigen Auslandserfahrungen, nie in dem Maße konfrontiert war, wie hier. Gleichzeitig war mir aber immer bewusst, was für ein Glück ich hatte und habe, so einen Freiwilligendienst machen zu können.

Ich bin jetzt seit fast fünf Monaten hier (so schnell geht das alles!) und habe noch knapp 8 Monate in Kambodscha. Meine Gefühle schwanken zwischen: „Die Zeit vergeht ja viel zu schnell! Ich würde am liebsten noch viel, viel länger hier bleiben!“ und „Oh Gott, das ist ja noch sooo lange!“ Mittlerweile überwiegt aber definitiv das erste der beiden Gefühle!

Im Moment fühle ich mich meistens sehr wohl, fast schon ein wenig, wie zuhause. Vor allem, wenn ich daran denke, wie viele interessante Menschen ich hier schon getroffen habe und wie viele wunderbare Momente ich mit ihnen erlebt habe.

Ich bin auch froh darüber, beim Lernen der Sprache Fortschritte zu machen, selbst wenn ich manchmal Schwierigkeiten habe mich mit bestimmten Klängen anzufreunden. Ab und zu bin ich ein wenig traurig darüber, dass ich die Sprache wohl nie komplett beherrschen werde. Ein Jahr ist für mich zu kurz, um eine Sprache wirklich zu lernen und ich weiß nicht, ob ich in Deutschland Khmer überhaupt weiterlernen werde.



Happy New Year! 

 Das Neue Jahr begann übrigens ziemlich ereignisreich.

Am ersten Januar bin ich in eine neue Wohnung gezogen und gleich darauf besuchte mich mein Vater und zwei Familienfreunde für drei Wochen (Darüber schreibe ich vielleicht auch noch mal einen Artikel). Gemeinsam bereisten wir das Land und ich konnte meine Erfahrungen in Kambodscha teilen. Das neue Jahr ist also mit einer kleinen Auszeit gestartet. 

Mit Papa vor Angkor Wat

 

Ich bin gespannt, was die nächsten Monate so bringen. Ich möchte auf jeden Fall noch offener sein und das Land immer besser kennenlernen. Vom Lernen über Reisanbautechniken, über das Kochen von Khmer Essen bis hin zum singen kambodschanischer Songs gibt es noch vieles, was ich machen möchte. Ich hoffe auch, noch mehr Khmer zu lernen, um mich besser verständigen und vielseitigere Gespräche halten zu können. Dabei ist es mir aber auch wichtig gelassen zu bleiben. Immerhin bin und bleibe ich Barang (kambodschanisches Wort für „weißer, europäischer Ausländer“, eigentlich bedeutet es aber „Franzose“) und werde hier immer ein bisschen fremd bleiben.


Am meisten freue ich mich aber auf die vielen interessanten Begegnungen mit verschiedenen Leuten, die hoffentlich vor mir liegen!



Nicolas Minke, 30. Januar 2026


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