Eintrag 9: Dorfleben in Prek Chrey - November

Den folgenden Artikel hatte ich eigentlich schon im November geschrieben. Allerdings hatte ich erst jetzt Zeit für den Feinschliff:

 

 Ich liege in der Hängematte und schlürfe genüsslich eine Eisschokolade. Um mich herum befinden sich, teils überflutete Felder. In der Ferne sieht man Hochhäuser. Ich frage mich, ob diese schon in Vietnam oder noch in Kambodscha sind. Endlich habe ich die Zeit und Muße die letzten paar Tage Revue passieren zu lassen. 

Am Dienstag war ich in einem Gruppen-Taxi von Phnom Penh losgefahren. Nach drei Stunden Fahrt kamen ich und die anderen Fahrgäste in dem Grenzdorf Prek Chrey an. Prek Chrey befindet sich direkt an der Grenze zu Vietnam. Der Bassac-Fluss trennt die beiden Länder. An manchen Stellen, wie z.B. beim Gemeindehaus hat man einen tollen Ausblick auf das Nachbarland auf der anderen Seite des Flusses. Hier ragt eine kambodschanische Flagge hoch in die Luft. Nur einen Steinwurf entfernt befindet sich schon ein anderes Land, mit einer anderen Sprache und einem komplett anderem politischen System.

 

 Leben an der Grenze - hier weht die kambodschanische Flagge, drüben befindet sich schon Vietnam

 Zwischen den beiden Ländern herrscht ein reger Bootsverkehr. Kambodschaner und Vietnamesen fahren mit kleinen Motorbooten von einem Ufer zum anderen, besuchen Freunde und kaufen Waren, um sie im jeweils anderen Land zu verkaufen. Auch im Ort leben viele Vietnamesen. Anfangs dachte ich, dass man sie an den typisch vietnamesischen Kegelhüten erkennen könnte, die hier von vielen Leuten getragen werden. Aber auch einige Kambodschaner haben eine Vorliebe für diese praktische Kopfbedeckung. Manche Vietnamesen wohnen hier, andere kommen nur über die Grenze, um Waren zu verkaufen. Auch LKW, die noch mehr Waren transportieren, sind allgegenwärtig. Vor allem da seit dem Importstopp für Produkte aus Thailand praktisch alles aus Vietnam importiert wird.

 

 LKW donnern die schmale Straße in Richtung Vietnam entlang

 

  

Blick auf die Dorfschule  

Hier, an diesem Ort, an dem zwei Kulturen aufeinandertreffen, werde ich ab Dezember eine knappe Woche pro Monat verbringen und den Englischunterricht unterstützen. In der Prek Chrey Middle School werde ich im Unterricht der siebten bis neunten Klassen unterstützen. Im etwa 40 Minuten entfernten Ort K’orm Samnor werde ich zudem Zwölftklässler unterrichten. Die Schüler haben bereits regulär Englischunterricht, dieser ist aber sehr theoretisch. Entsprechend fehlt den Schülern die Übung und das Selbstvertrauen um die Sprache zu sprechen. Ich werde also vor allem Spiele und Aktivitäten durchführen, um das Sprechen und das Hörverstehen zu üben. In Prek Chrey wird dabei immer ein Englischlehrer dabei sein, der sich auch darauf freut seine Englischkenntnisse zu erweitern. In K’orm Samnor wird der Lehrer hingegen immer aus einer anderen Schule ausgeliehen. Für ihn bedeutet mein Unterricht eine Entlastung und er wird bei meinem Unterricht nicht dabei sein. Damit ich nicht ganz auf mich alleine gestellt bin, wird ein KCD Mitarbeiter mich unterstützen, z.B. beim Übersetzen.

Der Besuch im November hatte vor allem das Ziel die Schuldirektoren, Lehrer, Schüler und mich miteinander bekannt zu machen und Details zu klären. Ab Dezember werde ich also eine Woche auf dem Land sein und von Montag bis Donnerstag morgens an der Prek Chrey Middle School eingesetzt werden. In K’orm Samnor hingegen nur Dienstags und Donnerstags.

Eine Herausforderung wird die Klassengröße sein. In der Mittelstufe werde ich zwischen 48 und 67 Schüler unterrichten. In der 12 Klasse sind es eher um die 25 Schüler. Ich durfte die Klassen bereits treffen und mich kurz vorstellen. Die Begeisterung mit der mir die Schüler überall begegnet sind, ist echt beeindruckend. Deshalb freue ich mich richtig auf meinen Aufenthalt hier.

Außerdem musste ich mich den Ortsvorstehern und örtlichen Polizeibehörden der beiden Orte vorstellen. Prek Chrey ist Grenzgebiet und alle Ausländer müssen gemeldet sein. Bereits vor meiner Ankunft wurden deswegen Kopien meiner Ausweisdokumente übermittelt und ich muss hier immer meinen Reisepass bei mir haben. Über die Grenze nach Vietnam darf ich in diesem Ort leider nicht. Es gibt aber etwa 20 Kilometer entfernt einen Grenzübergang, der auch für Ausländer offen ist. Ich bin vermutlich der einzige Barang (Europäer) in dem kleinen Grenzdorf und bekomme deswegen eine Menge Aufmerksamkeit. Auf der Straße werde ich von Erwachsenen und Kindern gleichermaßen gegrüßt und auch in der Schule weht mir eine Welle der Begeisterung entgegen. Ich hatte in den letzten Tagen so viele Gelegenheiten um mein Khmer zu üben! Sei es mit den Kindern in der Schule (ich hab extra Khmer-Vokabeln zum Thema Schule gelernt), beim Frühstück in einem kleinen Restaurant oder bei der Feier eines Ortsvorstehers.


Manchmal wird mir die ganze Aufmerksamkeit zu viel, aber eigentlich weiß ich es zu schätzen. Ich kann die Begeisterung ja auch verstehen, meine Heimatsstadt in Deutschland ist auch nicht besonders touristisch und ich hab mich auch immer gefreut, wenn ich Besucher kennengelernt habe (Okay, im Vergleich zu Prek Chrey gibt es in meiner Heimatstadt schon mehr Leute aus anderen Ländern, aber Touristen aus dem Ausland, hab ich echt selten getroffen.). Als ich an den Schulen vorgestellt wurde, musste ich mich daran erinnern, dass an meiner Schule in Deutschland auch manchmal Studenten aus England oder den USA beim Unterricht mitgeholfen haben. Für mich war es immer etwas Besonderes mit diesen Muttersprachlern zu sprechen und davon zu träumen auch weit zu verreisen. Ich nehme hier in Prek Chrey wohl eine ähnliche Rolle ein. Ich bin zwar kein Muttersprachler, aber komme doch von weit her.

Auch wenn ich weit weg von Phnom Penh (und noch weiter von Deutschland) bin, fühle ich mich nicht auf mich allein gestellt. KCD hat ein Büro in Prek Chrey. Die NGO führt in dem multikulturellen Dorf verschiedene Projekte zur Völkerverständigung durch. Das Zusammenleben zwischen verschiedenen kulturellen Gruppen, hier vor allem Khmer und Vietnamesen, soll verbessert werden, z.B. beim interkulturellen Fußballtraining. Zwei KCD Mitarbeiter wohnen und arbeiten komplett von hier aus. Meine Mitarbeiterin Thiery hat vietnamesische Wurzeln. Der andere Mitarbeiter heißt Chan (ausgesprochen:Djann), ist Kambodschaner und war bis April dieses Jahres als Freiwilliger mit Brot für die Welt in Deutschland. Dort hat er in einer Schule und in einem Jugendzentrum in Neuruppin gearbeitet. Deshalb kann er neben Englisch auch richtig gut Deutsch. Außerdem kommen auch viele andere Mitarbeiter regelmäßig in die Provinz.  

 Das KCD Büro

Auch diese Woche waren drei Mitarbeiter aus der großen Stadt Phnom Penh für zwei Nächte in Prek Chrey. Zwei von ihnen haben in dem selben Haus, wie ich, bei einer kambodschanischen Familie übernachtet. Die Gastfamilie ist richtig nett. Das ältere Ehepaar kann zwar kein Englisch, aber mittlerweile reicht mein Khmer für einfachste Gespräche aus. Außerdem kocht die Gastmutter phänomenal.

Dorfleben 

 

 

 Phänomenales Essen bei der Gastfamilie

Das Haus ist aus Holz gebaut und steht, typisch kambodschanisch, auf Stelzen. Das Leben spielt sich oben ab, hier befinden sich Bad, Küche, Wohn- und Schlafzimmer. Alles ist relativ einfach, aber doch wunderbar eingerichtet. Was ich am meisten liebe ist die offene Bauweise. Weil es warm ist, braucht man keine Fenster. Die Wände sind aus Holzbalken, mit teilweise lockeren Abständen gebaut, sodass der Wind durch die Ritzen weht. In Phnom Penh fühle ich mich teilweise von den Gittern an den Fenstern eingeengt, doch hier fühle ich mich frei. Der Ausblick ist traumhaft. Direkt vor dem Haus fließt ein kleiner Fluss an dessen Ufern sich das Dorf entlangschlängelt. Oft hört man Motorgeräusche. Diese gehören nicht nur den Mopeds, sondern auch den kleinen Motorbooten, mit denen die Leute zum Fischen, zum Reisfeld oder nach Vietnam fahren. Morgens wird man vom krähen des Hahns geweckt.


In der Regenzeit kann man mit dem Boot bis vor die Haustür fahren 

Seit dem ich in Kambodscha bin fühlt sich mein Leben manchmal wie ein Film an. Diese Episode erinnert mich an alte sowjetische Komödien. Ein häufiges Thema dieser Filme sind Städter, die mehr oder weniger freiwillig aufs Land ziehen (z.B. zum Unterrichten) und nach und nach gefallen daran finden. Hier auf dem Land fühle ich mich aber, im Gegensatz zu den Protagonisten in den Filmen, sofort wohl. Dass einzige was mir fehlt, sind die Freunde, die in Phnom Penh wohnen. Ich freue mich darauf im Dezember wiederzukehren.

Über den Bassac-Fluss ist man in 20 Sekunden in Vietnam

Die Sonnenuntergänge sind in Kambodscha aber mindestens genauso schön

 

Nicolas Minke, geschrieben im November 2025 (Veröffentlicht am 10. Februar 2026)

Kommentare

  1. Hallo Nicolas, du bist viel unterwegs u.hast interessante Aufgaben. Offensichtlich gefällt dir die Arbeit. Weiter viel Erfolg u.spannende Begegnungen. Aus dem fernen Berlin herzliche Grüsse von Ingrid u. Georg.

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    1. Vielen Dank! Ja, die Arbeit ist wirklich sehr interessant!

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