Hochzeit, Hochzeit: Wie wir Trauzeugen auf einer kambodschanischen Hochzeit wurden (Teil 1)
Alles begann am 10 Februar mit einer Sprachnachricht unserer Bekannten Anika, welche wir Freiwilligen von seit dem Ankunftsseminar im September kennen (damals hatte sie unserer Landesmentorin beim Vorbereiten des Seminars und beim Übersetzen geholfen): „Mein Cousin heiratet in zwei Wochen und braucht noch Trauzeugen. Meine Mutter findet, ihr seid genau die richtigen für diesen Job.“ Und jetzt stehen wir, also mein Mitfreiwilliger Paul und ich, auf der Bühne, neben dem Brautpaar, in traditioneller Kleidung und tanzen einen kambodschanischen Tanz (oder versuchen es zumindest). Sehr zur Belustigung der anderen Gäste. Barang, barang.
Ein ungewöhnliches Angebot
Dabei war uns anfangs gar nicht klar, ob wir dieses Angebot überhaupt annehmen sollten. Schließlich ist Trauzeuge sein eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Und ausgerechnet wir, zwei Deutsche, die gerade mal seit einem halben Jahr in Kambodscha sind, sollten diese übernehmen? Dabei kannten wir doch noch nicht mal den Namen der Braut und des Bräutigams!
Nach ein wenig Überlegen sagten wir dann doch zu, allerdings waren uns zwei Sachen wichtig:
1. Es ist wirklich der Wunsch des Bräutigams (und nicht nur der Eltern), dass wir seine Trauzeugen sind.
2. Wir treffen das Brautpaar vor der Hochzeit und lernen die beiden ein bisschen kennen.
Gesagt, getan. Am nächsten Wochenende treffen wir uns abends mit Bräutigam, Braut, dem Vater des Bräutigams, Anika und ihrer Familie und noch ein paar weiteren Leuten in einem Restaurant. Schnell stellt sich heraus, dass wir die Aufgabe des Trauzeugen guten Gewissens annehmen können. Trauzeugen haben in Kambodscha nicht so eine gewichtige Rolle, wie Trauzeugen in Deutschland. Und es scheint nicht so schlimm zu sein, dass wir das Brautpaar kaum kennen. Außerdem wollen Narong und Sokim, so heißen der Bräutigam und die Braut, uns wirklich dabei haben.
Auf dem Weg nach Kampong Speu
Eine Woche später befinden Paul und ich uns im Auto auf dem Weg nach Kampong Speu, einer Provinz, die sich vierzig Autominuten von Phnom Penh entfernt befindet. Wir kommen allerdings nicht von Phnom Penh, sondern direkt vom Zwischenseminar, welches von Montag bis Freitag in Kampot stattgefunden hatte. Unsere Landesmentorin Lim lässt uns in Kampong Speu Stadt raus, wo wir von Anika und ihrem Vater Anwar abgeholt werden. Während wir auf die beiden warten, fällt mir auf, dass ich zwar meinen Anzug dabei habe, aber keine ordentlichen Schuhe, nur meine ausgelatschten Sandalen. Auch Paul braucht indes neue Schuhe. Also gehen wir mit Anwar schnell noch Schuhe kaufen. 49 USD für ein paar schwarze Lederschuhe! Naja, was soll’s… Eine Wahl haben wir nicht. Und Anwar handelt den Preis immerhin auf 40 USD das Paar herunter.
Wir übernachten in einem recht schicken Resort. Anikas Eltern Sophea und Anwar erzählen, dass sie Materialien für den Bau der Hotelanlage verkauft haben und darum den Besitzer kennen. Ob sie deswegen für die Übernachtung einen Freundschaftspreis bekommen?
Styling, Sampot, Sunrise
Viel Schlaf bekommen wir nicht: Um 3:30 morgens klingelt der Wecker. Aufstehen, Zähneputzen, Fertigmachen, Losfahren! Nach etwa vierzig Minuten Fahrt, vorbei an Fabriken und Nähereien, kommen wir am Haus der Familie der Braut an. Das ist in Kambodscha so üblich. Bezahlen muss die Hochzeit hingegen die Familie des Bräutigams. Es ist noch dunkel, als wir die weißen Zelte mit rosa Streifen auf dem Hof, vor zwei typisch kambodschanischen Häusern, auf Stelzen, erblicken. Trotz der frühen Uhrzeit sind schon viele Menschen da. Manche sind schon am Erledigen der letzten Hochzeitsvorbereitungen, andere sind wohl gerade erst aufgewacht.
Viel Zeit bleibt uns nicht, um die morgendliche Atmosphäre aufzusaugen. Der Bräutigam Narong begrüßt uns und wir werden in einen Raum geführt, in dem es geschäftig zugeht. Dort werden vor allem junge und ältere Frauen, fast keine Männer, schick angezogen und geschminkt. Manche tragen schon elegante traditionelle Kleider, andere sind noch im Micky-Mouse Schlafanzug. Die anderen Trauzeugen sind auch schon da. Insgesamt hat die Braut drei junge Frauen aus dem Dorf als Trauzeugen und der Bräutigam drei junge Männer, darunter Paul, mich und einen kambodschanischen Freund der Familie. Der Bräutigam trägt, genau wie wir, ein kurzärmliges Sportoutfit. Darüber werden im Laufe des Tages die eigentlichen Anzüge angezogen.
Das traditionelle Kostüm, das bei kambodschanischen Hochzeiten und Zeremonien getragen wird, besteht aus einer Art Hose, welche „Sampot“ genannt wird, und einem Oberteil. Sowohl Männer als auch Frauen tragen Sampot, gerade bei den Oberteilen gibt es aber Variationen. Der Sampot ist die Nationalkleidung der Kambodschaner. Traditionell wurde (und wird) er seit Jahrhunderten von den Königen getragen. Statuen mit Göttern, die den Sampot tragen, gibt es schon seit prä-angkoreanischer Zeit. Bis heute ist dieses traditionelle Kleidungsstück bei besonderen Anlässen beliebt und wird im Laufe des heutigen Tages von Bräutigam und Braut getragen.
Auch wir und die anderen Trauzeugen bekommen dieses traditionelle Kleidungsstück angezogen.
Der Sampot ist im Grunde genommen ein großes Seidentuch, welches zunächst, wie ein Rock, um die Hüfte und Beine gewickelt wird. Dann wird der überstehende Teil des Tuchs zusammengerollt, durch die Beine hinter den Schritt geworfen und hinten an der Hüfte mit Sicherheitsnadeln festgemacht. So sieht es dann aus, wie eine Hose. Das alles ist so kompliziert, dass wir den Sampot nicht selber anziehen, sondern von anderen Leuten bekleidet werden.
Zu Fuß durchs Dorf
Sobald wir schick gemacht sind, steht ein Photoshooting nach dem anderen an. Zunächst werden das Brautpaar, die engere Familie und wir Trauzeugen in allen erdenklichen Konstellationen von einem professionellen Photographenteam abgelichtet. Dann geht es mit dem Bräutigam und seiner Familie auf einen „Spaziergang“ durchs Dorf. Weil die Hochzeit bei der Familie der Braut stattfindet, ist es üblich, dass der Bräutigam und seine Familie zu Fuß dorthin laufen. Wir sind aber eigentlich schon beim Haus der Brautfamilie. Der Tradition halber verlassen wir deswegen kurz das Grundstück, gehen ein paar Meter (vielleicht 100 Meter) durchs Dorf und kehren dann wieder feierlich zurück.
Als Trauzeugen sind wir die „Diener“ des Bräutigams. In dieser Funktion tragen wir z.B. Sonnenschirme, um den Bräutigam vor der Sonne, die mittlerweile aufgegangen ist, zu schützen. Beim Eingang des Grundstücks wird der Tross von den Eltern der Braut erwartet. Die Eltern der Braut genehmigen den Einlass und öffnen symbolisch das Tor, in dem eine vor dem Eingang aufgespannte Schnur mit zwei Degen durchgeschnitten wird. Die Degen scheinen zwar echt zu sein, durchgeschnitten wird das Seil bei dieser Hochzeit aber nicht. Nachdem einige Photos, die das Gegenteil suggerieren, gemacht wurden, wird die Schnur als ganzes Stück wieder entfernt und wir dürfen eintreten. Extra für die Hochzeit wurde ein ganzer mit Blumen geschmückter Eingangspavillon aufgebaut.
Nach noch mehr Photos haben wir Pause und können endlich frühstücken und Kaffee trinken. Es gibt verschiedene Gerichte. Vom kambodschanischen Porridge (einer Art Suppe mit Reis), bis zu gebratenem Hähnchen ist vieles dabei. Danach ziehen wir uns um. Outfit Nummer 2. ist an der Reihe. Wieder tragen wir einen Sampot mit anzugähnlichem Oberteil, allerdings in leicht anderen Farben.
Zeremonien, Musik, … und Haareschneiden
Im neuen Outfit sind wir bereit für die weiteren Zeremonien. Zunächst werden wir aber noch nicht benötigt und nehmen einfach die Rolle von Zuschauern ein. Gerade findet eine Zeremonie statt, bei der die Eltern von Braut und Bräutigam verschiedene Gegenstände, wie Kautabak (?), als Geschenk austauschen. Das ganze wird von einer Gruppe begleitet, die traditionelle Musik auf kambodschanischen Instrumenten spielt. Außerdem gibt es einen älteren Mann und eine jüngere Frau, die singen und das Programm moderieren.
Dann werden wir auf die Bühne gebeten und sollen auf Stühlen am Rand der Bühne Platz nehmen. Anika erzählt uns, dass gleich eine komödiantische Zeremonie stattfindet, bei der sich die Moderatoren über wichtige Gäste lustig machen. Genaueres verrät sie nicht.
Die Moderatoren reden zum Publikum. Immer wieder höre ich „Barang, Barang“ („Ausländer“). Paul und mir wird klar: „Gleich sind wir dran!“ Ich schnappe auf, wie die Moderatoren darüber sprechen, dass zwei Ausländer bei der Feier seien. „Mal schauen, ob sie Khmer sprechen können…“ Der ältere Moderator bringt einen Reiskuchen zu uns und fragt Paul, wie dieser auf Khmer genannt wird. Paul weiß es nicht. Dann bringt die junge Moderatorin eine Orange zu mir und fragt, was das denn sei. Ich weiß es! (ផ្លែក្រូច - „Bplai Krodj“) Und die Moderatoren und die Zuschauer sind erfreut. Dann versucht es die Moderatorin bei mir mit dem Kuchen, will aber wissen, welche Art von Kuchen das ist. Die Frage habe ich zwar verstanden, bin aber doch überfragt.
Dann entscheiden die Moderatoren, dass sie uns kambodschanisch tanzen sehen wollen. Die Trauzeuginnen der Braut sollen es uns beibringen. Die anderen Gäste sind belustigt aber auch begeistert, als wir mehr schlecht als recht auf der Bühne tanzen.
Schließlich dürfen wir wieder auf unseren Platz zurück. Jetzt sind die Eltern des Bräutigams dran… Mein Khmer reicht leider nicht aus, um die Witze, die über die anderen gerissen werden, zu verstehen. Es scheint aber lustig zu sein.
Als nächstes ist die Zeremonie des Haareschneidens dran. Die Eltern der Braut und des Bräutigams, aber auch alle Gäste, die wollen, können dem Brautpaar symbolisch die Haare schneiden und danach mit einer Rose ein paar Tropfen Wasser auf dem Kopf verteilen. Damit schließt das Paar die Vergangenheit ab und startet in eine neues, gemeinsames Leben. Wir Trauzeugen halten die Utensilien, wie z.B. das Tablett mit der Schere oder die Vase mit Wasser.
Nach dem Ritual des Haarschneidens, knien sich Braut und Bräutigam hin und alle Gäste, die wollen, können kleine, rote Stoffarmbänder um deren Handgelenke knoten. Am Ende haben die beiden unzählige Armbänder um.
Dann haben wir Mittagspause. Wir essen Suppe, ziehen das Kostüm aus und fahren zurück zum Resort. Ich kann zwei Stunden lang schlafen, bevor wir kurz vor vier wieder zur Hochzeit fahren.
Der zweite Teil dieses Artikels, erscheint demnächst. Wenn ihr wissen wollt, was für Musik auf einer kambodschanischen Dorfhochzeit so läuft, was die coolsten Tanzmoves sind und wie kambodschanische und westliche Traditonen eine interessante Symbiose eingehen, dann schaut nächste Woche noch mal auf die Website
Nicolas Minke, Phnom Penh, 30.04.2026
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