Happy New Year! Rietriyey Choul Chnam Tmai!

Im April, während in Deutschland der Frühling noch ganz sacht an die Tür klopft, beginnt in Kambodscha die heißeste Jahreszeit. Die Temperaturen klettern tagsüber regelmäßig auf 40°C, oder mehr und fallen auch nachts nicht unter 27°C. In Europa werden die Tage länger, hier in Südostasien steht die Sonne gegen 12 Uhr direkt über einem, sodass es Mittags keinen Schatten gibt. Die fünfmonatige Trockenzeit geht zu Ende, und die Reisfelder sind schon geerntet. In diesem staubigen und trockenem Monat, beginnt in Kambodscha, wie auch in einigen anderen südostasiatischen Ländern, das Neue Jahr!

 

Neues Jahr? Drei Mal im Jahr!

 Kambodscha feiert drei Mal im Jahr Neujahr. Wie fast überall auf der Welt wird im Alltag der gregorianische Kalender verwendet und somit auch das westliche Neujahr Ende Dezember/Anfang Januar gefeiert. Außerdem haben viele Kambodschaner chinesische oder vietnamesische Wurzeln und feiern deswegen auch das chinesische Neujahr, welches dieses Jahr im Februar stattfand. Nach dem chinesischen Neujahr verschwinden die roten Lampions mit chinesischen Schriftzeichen von den Straßen und machen Platz für das wohl wichtigste Fest in Kambodscha.

Anfang März tauchen die ersten Dekorationen für das kambodschanische Neujahr auf. Bunte Girlanden werden in den Geschäften und über den Straßenzügen aufgespannt. Traditionelle Strohhüte, bunte Sterne und kambodschanische Flaggen tauchen auch auf und schmücken die Straßen Phnom Penhs. Meine Kollegen fragen mich, ob ich denn schon Pläne für Khmer New Year habe. Und in der Bar nebenan läuft zur Abwechslung endlich mal keine westliche, sondern kambodschanische Musik. Man kann es spüren, dass kambodschanische Neujahr rückt immer näher.

Ehrlich gesagt brauche ich ein wenig, um in Feierstimmung zu kommen. Seit Mitte März fühle ich mich, nach einigen tollen Monaten, wieder mal ziemlich fremd in Kambodscha. Ich bin auch genervt darüber, dass meine Fortschritte im Khmer lernen wieder mehr ins Stocken kommen und bin zunehmend demotiviert. Der Gedanke an das näher rückende kambodschanische Neujahr stresst mich mehr, als dass ich mich darauf freue. Vor allem wegen der alles entscheidenden Frage: Wo wirst du die Feiertage verbringen?

Ursprünglich wollte ich über Khmer New Year nach Prek Chrey, in das Dorf in dem ich Englisch unterrichte, fahren. Die meisten Kambodschaner fahren über Khmer New Year zu ihren Verwandten aufs Dorf und ich wollte zunächst auch diese typische Erfahrung machen. Ich entschied mich schließlich doch dazu in Phnom Penh zu bleiben, was sich im Rückblick als eine sehr gute Entscheidung herausstellte. Denn in diesem Jahr fanden in Phnom Penh riesige, aufwendige Feierlichkeiten im Rahmen des kambodschanischen Neujahrs statt.


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Die Legende...

Ein junger Mann namens Dhammabal Koma, der das Studium der drei Veden erfolgreich abgeschlossen hatte und die Sprache aller Vögel sprechen und verstehen konnte, wurde vom Himmelskönig Kabil Moha Prum, welcher aufgrund der Schlauheit des jungen Mannes eifersüchtig wurde, zu einem Rätsel herausgefordert:

- Was ist das Glück am Morgen?

- Was ist das Glück am Nachmittag?

- Was ist das Glück am Abend?

Schaffte Dhammabal es nicht das Rätsel zu lösen, würde er seinen Kopf verlieren, doch fände er die Lösung, so sei es der Himmelskönig, der seinen Kopf hergeben müsste. Sieben Tage hatte Dhammabal Zeit für das Rätsel. Als er in der Nacht des sechsten Tages immer noch keine Antworten hatte, verzweifelte er. Da hörte er zwei Geier über ihn Reden. Die Geier freuten sich darauf, dass sie ihn am folgenden Tag als Fraß bekämen, da Dhammabal das Rätsel nicht lösen würde. In ihrem Gespräch nannten die Geier, Dhammabal verspottend, die Lösung für das Rätsel, nicht wissend, dass eben dieser Dhammabal ihnen heimlich lauschte:

- Das Glück am Morgen liegt auf dem Gesicht der Menschen, da sie morgens ihr Gesicht waschen.

- Das Glück am Nachmittag liegt auf der Brust der Menschen, da sie baden um sich von der Nachmittagshitze abzukühlen.

- Das Glück am Abend liegt auf den Füßen der Menschen, da sie ihre Füße nach einem langen Tag der Arbeit reinigen und sich auf die Nachtruhe vorbereiten.

So war Dhammabal in der Lage das Rätsel zu lösen. Der Himmelskönig Kabil Moha Prum hielt sein Wort, schnitt sich selbst den Kopf ab und überreichte ihn an eine seiner sieben Töchter. Bevor er dies Tat warnte er, dass sein Kopf immer von einer seiner Töchter gehalten werden müsse und nicht die Erde berühren dürfe, da diese sonst verbrennen würde.

Und so kommt jedes Jahr am Neujahrstag eine der sieben Töchter (welche auch als Engel angesehen werden) auf die Erde, um den Kopf Kabil Moha Prums für ein Jahr zu tragen.

So viel zur Legende zum Fest.

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Khmer New Year ist ein Fest des Zusammenkommens. Viele Menschen besuchen über die drei Festtage (in diesem Jahr vom 14. bis 16. April) ihre Verwandten, gehen in die Pagoden, Ehren ihre Ahnen und reinigen sich von Unglück und Sünden aus dem vergangenem Jahr. Jeder der drei Tage hat eine bestimmte Bedeutung und besondere Rituale. So werden am ersten Festtag Obst und Blumen zuhause auf dem Altar geopfert, um den Engel des Neuen Jahres willkommen zu heißen. Der zweite Tag steht ganz im Sinne der Nächstenliebe. An diesem Tag werden Eltern und Großeltern beschenkt und Almosen an die Armen gespendet. Am Abend werden in den Pagoden Sandberge errichtet, um den Ahnen zu gedenken. Am letzten Festtag wird Wasser über Buddhastatuen gegossen. Das symbolisiert den Wunsch nach Vergebung der Sünden aus dem alten Jahr, damit man gut ins Neue Jahr starten kann. Anschließend werden auch Mönche und ältere Menschen mit Wasser begossen, als Zeichen des Respekts und Bitte um Vergebung und Segnung. Mit der Zeit hat sich diese Tradition in die ausufernden Wasserschlachten entwickelt, welche auch meinen Eindruck von Khmer New Year geprägt haben. Aber mehr dazu später!



Meine Erfahrung

Am letzten Freitag vor dem Fest war ich mit meiner Arbeit in der Provinz und konnte sehen, dass auch dort die Pagoden und Häuser geschmückt werden. Abends kam ich wieder zurück nach Phnom Penh. Ich mache seit einiger Zeit den kambodschanischen Kampfsport Kun Khmer und an diesem Abend fand in der Kun Khmer Gruppe eine Neujahrsfeier statt. Inmitten der Boxsäcke und neben den Kampfring war eine lange Tafel aufgestellt, an der es Reis, Fleisch, Muscheln und sogar eine Schildkröte (war mal interessant zu probieren, der Geschmack rechtfertigt aber meiner Meinung nach nicht die Ausrottung der Schildkröten ;)) zu essen gab. Die Stimmung war ausgelassen und im Verlauf des Abends wurde Musik angemacht und, typisch kambodschanisch, im Kreis getanzt. Auf dem Weg nach Hause sah ich, wie in der Nähe des TTP-Marktes die letzten Vorbereitungen für die Festtage getroffen wurden.

Eigentlich dauert das Fest drei Tage, doch in Phnom Penh wurde eine ganze Woche lang ausgelassen gefeiert. Die Regierung wollte, auch vor dem Hintergrund des Thai-Kambodschanischen Konflikts, das Fest nutzen, um ein nationales Einheitsgefühl zu fördern. In der Regel fahren die meisten Kambodschaner über Khmer New Year zu ihren Familien aufs Land oder zu berühmten Sehenswürdigkeiten, wie Angkor Wat. Phnom Penh wird dann zu einer „Geisterstadt.“ Doch dieses Jahr stand Phnom Penh, die Hauptstadt, im Zentrum der Feierlichkeiten. Unter dem Titel „Nokor Sonkranta“ (königliches Neujahrsfest) verwandelten sich ganze Straßenzüge in hübsch dekorierte Fußgänger- oder vielmehr Wasserschlachtzonen.

Direkt vor meiner Haustür, war so ein Zentrum der Feierlichkeiten. Schon am Samstagmorgen, als ich mich ahnungslos draußen mit einem Kumpel traf, fiel mir auf, dass besonders viele Leute unterwegs waren. Viele hatten Wasserpistolen bei sich, manche hatten bunt bepuderte Gesichter. Es herrschte eine elektrisierende Atmosphäre. Dies überraschte mich in doppelter Hinsicht. Erstens war es erst Samstag und begann das Fest nicht erst am Dienstag? Zweitens hatte ich (voller Enttäuschung) auf Telegram gelesen, dass die Regierung dieses Jahr die Wasser- und Farbpulverschlachten verboten hätte. Aber glücklicherweise schien diese Ankündigung nicht so ernst genommen zu werden.

Mein Kumpel, ein anderer Freiwilliger, der auf dem Land wohnt und nur über das Wochenende nach Phnom Penh gekommen war, wollte sich den Nachmittag über ausruhen. Deswegen dachte ich mir, schaue ich mir die Wasserschlachten alleine an. Aber kaum hatten wir uns verabschiedet, traf ich auf einen Kun-Khmer-Kollegen, den ich erst gestern kennengelernt hatte und der mit einem Freund für die Wasserschlacht nach Tuol Tumpoung gekommen war. Gemeinsam stürzten wir uns ins Geschehen!

 

 
Mit Freunden von Kun Khmer, die ich zufällig auf der Straße getroffen habe 

Die Straße, direkt vor meiner Haustür, war ab dem frühen Nachmittag für den Verkehr gesperrt worden. Statt Autos und Mopeds strömten abertausende Menschen auf die Straße, “ausgerüstet“ mit Babypulver und Wasserpistolen. Alle fühlten sich miteinander verbunden. Während man sonst aneinander vorbeilaufen würde, wünschten sich an diesem Tag wildfremde Leute ein Frohes Neues Jahr („Rietriyey Choul Chnam Tmai!“) und verteilten Farb- oder Babypulver im Gesicht ihres Gegenübers. Ich glaube, ich wurde an diesem Tag von mehr Menschen im Gesicht angefasst, als in meinem ganzen vorherigen Leben 😂. Man merkte, wie die ganze Anspannung des vergangenen Jahres von den Menschen abfiel und jeder den Spaß seines Lebens hatte.  

Außerdem dröhnte überall Musik aus großen Boxen, vor denen ausgelassen getanzt wurde. Die kambodschanischen Techno Remixes, sind echt cool und von den kreativen Tanzmoves der Kambodschaner sollten sich deutsche Klubgänger echt mal inspirieren lassen. Außerdem war es cool mitzuerleben, wie die Menschen zusammen tanzten, statt nur nebeneinander. Dieser Song lief überall pausenlos rauf und runter und hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt: https://www.youtube.com/watch?v=JjhECVAurAw

 

 


Auch in den nächsten Wochen fanden in Tuol Tumpoung, dem Stadtteil in dem ich wohne, aber auch im Stadtzentrum, Wasser- und Farbpulverschlachten statt. Jeden Tag ging ich Nachmittags und Abends mit Freunden raus, um ein Teil des Getümmels zu werden. Die Vormittage ruhte ich mich aus, bis ab zwei oder drei Uhr Nachmittags wieder laute Musik von der Straße in meine Wohnung drang. Ich war echt davon beeindruckt, wie die Energie die ganze Woche über auf so einem hohen Level blieb, feiern kann nämlich auch ganz schön anstrengend werden. Lustig fand ich auch, wie entspannt alle waren. Selbst die Polizisten wurden (mit Wasser) beschossen und hatten oft Farbe im Gesicht. Wann darf man denn sonst Polizisten mit Wasser abschießen oder sie im Gesicht betatschen?

Eine kleine Herausforderung ergab sich dadurch, dass mein Handy schon am ersten Abend, trotz vermeintlich wasserdichter Hülle, einen Wasserschaden erlitt. Somit konnte ich nur noch von zuhause aus über meinen Laptop kommunizieren, was eine kleine logistische Herausforderung darstellte, wenn ich mich mit Freunden traf. Irgendwie fanden wir uns aber immer. Ehrlich gesagt war ich sogar froh darüber, dass mein Handy die Zeit über nicht ging. So konnte ich nämlich den Moment genießen, ganz ohne Ablenkungen. Und Photos bekam ich ohnehin von meinen Freunden zugeschickt!

  
Ein Straßenumzug in Phnom Penh

Neben den Wasserschlachten gab es im Stadtzentrum auch Konzerte, Theaterstücke und weitere kulturelle Angebote. Beeindruckend fand ich z.B. Aufführungen des Schattentheaters, einer traditionellen kambodschanischen Theaterdisziplin. Wie so oft stand der Nationalepos Reamker, welcher vom indischen Ramayana abstammt, im Zentrum. Szenen aus diesem Epos finden sich schon in Reliefs in Angkor. Und heutzutage ziert der Name des Affenkönigs Hanuman, welcher dem Haupthelden dabei hilft eine entführte Prinzessin zu befreien, die Bierdosen einer nach ihm benannten Marke.

 

 
Apropos, in diesen riesigen Dosen war zwar kein Bier, sondern Wasser für die Wasserschlacht 

Interessant fand ich auch die Lbokator Aufführungen. Lbokator ist, neben Kun Khmer, einer der beiden kambodschanischen Kampfsportarten. Während in Kun Khmer tatsächlich gegeneinander gekämpft wird, sind die Kämpfe in Lbokator einstudierte, hochkomplizierte Choreographien. Ähnlich, wie beim Wrestling steht der Sieger also schon im Vorhinein fest, die Zuschauer wissen aber natürlich noch nicht den Ausgang.

Da ich in Phnom Penh geblieben bin, konnte ich nicht an so vielen traditionellen Zeremonien teilnehmen, welche oft im familiären Kontext stattfinden. Eine wichtige Zeremonie hatten aber ein Mitfreiwilliger und ich mitgemacht:


  
Mit meinem Mitfreiwilligen Paul und Apsaratänzern am Neujahrstag

 


 

Am 14. April um genau 10:48 Uhr morgens, begann offiziell das Neue Jahr. Um das neue Jahr zu begrüßen, sind wir zu Wat Phnom, einem Hügel im Stadtzentrum, der angeblich der Gründungsort Phnom Penhs sein soll, gefahren. Dort fand eine große Zeremonie statt, bei der tausende Leute den Rezitationen der Mönche lauschten und Apsara-Tänzern zusahen. Es war der wichtigste Tag im Jahr und wir befanden uns im Zentrum des Königreichs.

 

 

 

Das kambodschanische Neujahr war eine Woche voller Freude, voller Farbe, voller neuer Eindrücke. In dieser Woche gewann ich noch einmal eine ganz neue Perspektive auf das Land. Und natürlich machte es auch einfach sehr viel Spaß mit Freunden durch die Straßen zu ziehen und an den Farbpulver- und Wasserschlachten teilzunehmen.


Mehr Infos zu den Traditionen des Festes und ihrer Bedeutung findet ihr hier:

https://cambodianess.com/article/khmer-new-year-traditions-and-meaning-behind-cambodias-biggest-festival


Nicolas Minke, 01. Juni 2026 Phnom Penh

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