Eintrag 12: Mit 19 Jahren 60 Schüler unterrichten
Den folgenden Bericht hatte ich schon im Dezember geschrieben, aber nie veröffentlicht. Vor kurzem bin ich wieder auf diesen Text gestoßen und habe mich dazu entschieden ihn jetzt unverändert zu veröffentlichen. Nicht ganz aktuell, aber immer noch interessant:
Wer hätte das gedacht? Kaum ein halbes Jahr nach meinem Abitur bin ich wieder im Klassenraum/in der Schule. Allerdings haben sich die Rollen ein wenig verändert. Seit diesem Monat (Dezember) unterrichte ich jeweils eine Woche im Monat an einer öffentlichen Schule in einem kambodschanischen Dorf Englisch.
Sonntag – 14.12.2025:
Am Sonntagnachmittag geht es für mich aus Phnom Penh in das Dorf Prek Chrey. Ein Kleinbus holt mich vom Büro in Phnom Penh ab und gemeinsam mit etwas zehn weiteren Leuten, die ebenfalls das Gruppentaxi nahmen, geht es aufs Land. Ganz neu ist mir der Ort nicht. Bereits im November war ich in Prek Chrey gewesen und schilderte meine ersten Eindrücke in einem anderen Artikel.
Nach etwa drei Stunden Fahrt kommen wir in dem Dorf, welches sich an der Grenze zu Vietnam befindet, an. Mein Kollege Chan (ausgesprochen: Djann) begrüßt mich, nach dem das Taxi mich vor dem KCD-Büro in Prek Chrey absetzt, und bringt mich zu meiner Gastfamilie. Sowohl in Phnom Penh, als auch in Prek Chrey wohne ich aktuell in kambodschanischen Familien. Das Abendessen, welches die Familie auf dem Dorf zubereitet hat, schmeckt, wie immer, köstlich! Es gibt Fisch, Gemüse, Tofu und natürlich Reis.
Nach dem Essen schaue ich mir noch mal meine Notizen an. Morgen werde ich zum ersten Mal unterrichten.
Montag – 15.12.2025:
Um 5:45 Uhr morgens klingelt mein Wecker. Draußen ist es noch dunkel, beim Zähneputzen sehe ich den Himmel zwischen den Bananenstauden zunächst violett und dann rosa werden. In Kambodscha beginnt die Schule schon um 7 Uhr morgens (und ich dachte, dass der in Deutschland übliche Schulstart um 8 Uhr inhuman sei). Auf dem Land finde ich das frühe Aufstehen aber gar nicht so schlimm. Hier folgt das Leben dem Rhythmus der Sonne, alle stehen früh auf. Nach Sonnenuntergang gibt es eigentlich keinen Grund mehr rauszugehen, es sei denn man möchte beim Spazieren von frei rumlaufenden Hunden angebellt werden.
Vor dem Schulstart habe ich aber noch Zeit, um in einem kleinen Lokal an der Hauptstraße zu Frühstücken. Hier gibt es, wie jeden Morgen, gebratenes Schweinefleisch mit Reis und eingelegtem Gemüse. Dazu noch eine kleine Suppe. Außerdem darf der unglaublich leckere Kaffee mit Eiswürfeln und Kondensmilch, nach vietnamesischer Art, nicht fehlen.
Etwa eine Viertelstunde, bevor der Unterricht beginnt, treffe ich mich auf dem Schulgelände mit dem Englischlehrer Won und meinem Kollegen Chan und wir besprechen den heutigen Plan. Heute ist die siebte Klasse dran. Kurz nach 7 Uhr morgens klingelt der Schulgong; einige Schüler schlagen mit einer Metallstange gegen ein aufgehängtes LKW-Rad, das Signal für den Unterrichtsstart. Die Schüler gehen in die Klassen, wir warten aber draußen, bis alle Schüler in ihre Klassenräume gegangen sind.
Als wir den Klassenraum betreten, stehen etwa 60 Schüler in einer Bewegung, wie auf ein Kommando, auf und sagen: „Good morning teacher“. Der Englischlehrer begrüßt die Schüler, welche prompt: „Thank you teacher,“ erwidern und sich setzen. In der ersten Stunde hält der eigentliche Lehrer den Unterricht, Chan und ich dürfen und setzen. In der vorletzten Reihe ist ein Tisch und eine Bank frei.
Der Lehrer hält den Unterricht und ich, der zumindest zeitweise in die Rolle der Schüler geschlüpft ist, habe sichtliche Mühe zu folgen. Das Fenster neben mir ist offen, weshalb man die spielenden Kinder auf dem Schulhof hört. Oft laufen Schüler am Gang neben den Klassenraum vorbei, manchmal lugen neugierige Grundschüler durch die Fenster hinein. Die Fenster auf der anderen Seite sind zur Straßen hin offen, wo regelmäßig voll beladene LKW vorbeidonnern. Die leise Stimme des Lehrers geht in dieser Geräuschkulisse unter. Die Fenster haben keine Scheiben, und wenn man alle Fensterläden schließen würde, wäre es zwar leiser - aber dunkel - der Klassenraum besitzt keine Lampen. Jetzt beginne ich zu verstehen, warum die Schulen in Kambodscha oft so ineffektiv sind. Als Schüler in einer der letzten Reihen kostet es einen große Anstrengung, um dem Unterricht folgen zu können. Weil der Unterricht in der Regel frontal abläuft, gibt es auch nicht gerade viele Möglichkeiten sich zu beteiligen. Damit wenigstens ein Teil der Schüler etwas mitnimmt, wird die Klasse nach Stärke der Schüler eingeteilt. Die starken Schüler sitzen auf einer Seite, während die schwächeren auf der anderen Seite vollends abgehängt werden.
Nach etwa einer Stunde darf ich übernehmen. Ich habe eine Reihe von Aktivitäten geplant, möchte aber erst einmal mit einer kleinen Übung beginnen, um das Englischniveau der Schüler besser einschätzen zu können. Zunächst stelle ich mich kurz vor. Schon hier haben viele Schüler Probleme damit, einfachen Sätzen, wie „I’m 19 years old“ oder „my favorite subject is English“ zu folgen. Bei vielen endet das Vokabular nach „Hello, my name is…“. Auch die nächste Übung, bei der die Schüler ihre Sitznachbarn vorstellen sollen, wird für viele zur Herausforderung. Die kleine Aufwärmübung, für die ich eigentlich zehn bis fünfzehn Minuten eingeplant hatte, nimmt den Rest der Unterrichtsstunde in Anspruch. Chan und ich müssen die Übung etwa der Hälfte der Schüler einzeln erklären. Die andere Hälfte bekommt die Übung zum Glück ohne größere Probleme hin. Einige wenige sind sogar sichtlich unterfordert. Vielleicht könnten wir in Zukunft die stärkeren Schüler dazu animieren, die schwächeren Schüler zu unterstützen.
Klar ist, dass eine einzige Stunde äußerst knapp bemessen ist. Deshalb darf ich schon ab Morgen für jeweils zwei Stunden unterrichten!
Um 9 Uhr morgens ist der Unterricht schon vorbei! Insgesamt bin ich sehr froh darüber, wie er gelaufen ist. Zwar haben wir nicht alles geschafft, was ich vorhatte, aber dafür hatte ich (auch Dank der Hilfe von Chan und Won) die Klasse gut unter Kontrolle.
Außerdem wirkten die Kinder größtenteils interessiert am Unterricht. Generell ist es aber sehr gut, dass Chan und Won dabei waren und für die Kinder übersetzen konnten.
Den Rest des Tages habe ich mehr oder weniger zur freien Verfügung. Zwar arbeite ich offiziell bis 17 Uhr, aber abgesehen vom Vorbereiten des Unterrichts, habe ich keine wirklichen Aufgaben. Ich kann aber in dieser restlichen „Arbeitszeit“ zum Beispiel Khmer üben, mich mit meinen Kollegen austauschen und natürlich das warme Dezemberwetter genießen.
Am Abend geht es für Chan und mich wieder zurück zur Schule. Allerdings nicht für den Unterricht, sondern um mit den Kindern und Jugendlichen aus dem Dorf Fußball zu spielen. Das Fußballtraining ist auch Teil eines KCD-Projekts mit dem Ziel die Gemeinde zu beleben und ganz nebenbei Vietnamesen und Kambodschaner zusammenzubringen. Ich bin bekanntlich kein großer Fußballfan und ziehe es vor mit einigen Kindern Badminton (oder eher Federball) zu spielen.
Bei Sonnenuntergang (also schon gegen 18 Uhr) neigt sich das Training dem Ende zu und Chann bringt mich mit dem Moped nach Hause. (Besonders weit ist die Distanz zwischen der Schule und meinem Zuhause nicht, aber in Kambodscha wird jede, noch so kleine Strecke, mit dem Moped zurückgelegt. Die Mopedobszession ist hier fast so groß, wie die Beziehung der Amerikaner mit ihren Autos). Nach dem Abendessen (welches extrem lecker ist) habe ich also noch genug Zeit um mit meiner Familie in Deutschland zu telefonieren und mir einen Film anzuschauen.
Die nächsten Tage verlaufen im Prinzip ähnlich: früh aufstehen, morgens unterrichten, den Rest des Tages frei gestalten, abends Fußball (oder Badminton) spielen und danach bei der Gastfamilie essen und mich von dem sehr „anstrengendem“ Tag ausruhen. Das Leben verläuft recht idyllisch.
Mein Uropa erzählt gerne davon, wie er als Kind, vor über 80 Jahren Schüler in einer Klasse mit 60 Schülern war. Bis vor ein paar Tagen konnte ich mir kaum vorstellen, wie das für ihn so war. In kambodschanischen Dorfschulen sind die Klassengrößen immer noch so ähnlich wie in den Erzählungen meines Uropas. Das ist zwar alles andere als Ideal, aber irgendwie funktioniert das Unterrichten und Lernen in solchen Bedingungen doch besser, als ich gedacht hätte.
Dienstag - 16.12.2025:
Am Dienstag kann ich ausschlafen! Ich muss erst um kurz vor 7 Uhr aufstehen, weil heute der Unterricht erst um 8 Uhr beginnt. Heute frühstücke ich zur Abwechslung direkt auf dem Schulgelände, wo drei verschiedene Stände Essen verkaufen. An dem Stand, an dem ich bin, gibt es gebratenen Reis mit Fleisch (Bai Cha Sadt Chru), Zuckerrohrsaft und alle erdenklichen Süßigkeiten.
Nach dem Frühstück treffe ich wieder den Lehrer und meinen Kollegen. Heute ist die neunte Klasse dran, die ich heute von 8 bis 10 Uhr unterrichte. Das ganze macht mir Spaß. Allerdings überrascht mich das Englischniveau der Schüler. Ich kann verstehen, dass Siebtklässler, die vielleicht erst seit ein oder zwei Jahren Unterricht hatten, noch nicht so viel Englisch können. Aber Neuntklässler, die seit mindestens drei Jahren Englisch lernen? Deshalb verbringe ich die erste Stunde mit der exakt selben Übung, wie am Vortag bei der siebten Klasse. Immerhin nimmt die Übung hier nicht ganz so viel Zeit in Anspruch, wie gestern. Allerdings habe ich das Gefühl, dass einige Schüler ein wenig frustriert wirken. Die Schüler sind zwar alle sehr respektvoll, allerdings mussten manche mehrmals aufgefordert werden, um zumindest halbherzig die Aufgaben zu bearbeiten. Auch hier gibt es die Trennung zwischen stärkeren und schwächeren Schülern.
Den Nachmittag habe ich wieder relativ wenig zu tun. Ein Freund von Chann kommt zwischendurch ins Büro vorbei, mit ihm und meinen Kollegen Chann und Thiery unterhalte ich mich eine Weile. Thiery bringt mir auch ein paar Worte Vietnamesisch bei. Mittag Esse ich dort, wo ich sonst immer frühstücke. Am späten Nachmittag unternehme ich einen ausgedehnten Spaziergang vom Büro, zum Ufer des Bassac-Fluss, wo ich einen Blick auf Vietnam (auf dem anderen Flussufer) erhaschen darf. Ein Stück des Weges folgen mir zwei kleine Mädchen, welche versuchen, sich mit mir auf Vietnamesisch zu unterhalten. Leider kann ich trotz der Bemühungen meiner Kollegin Thiery noch kein Vietnamesisch (Nur „Xin Chao“, was „Hallo“ bedeutet, ist bei mir hängengeblieben). Und die Kinder können weder Englisch noch Khmer.
Der Rückweg verläuft an der Hauptstraße, wo ich wahlweise von Lastern überholt oder von Hunden angebellt werde. Bei Dämmerung und Dunkelheit wird der Wachinstinkt der Tiere wach.
Zurück im Dorf geht es wieder zum Fußballtraining.
Mittwoch – 17.12.2025:
Am Mittwoch unterrichte ich die achte Klasse, mit knapp 50 Schülern. Man mag als Lehrer natürlich alle Klassen gleich gern, aber ich bin ja eigentlich gar kein richtiger Lehrer. Darum darf ich sagen, dass mir das Unterrichten in dieser Klasse besonders gefällt. Die Schüler können schon ein wenig Englisch und sind weiterhin motiviert. In dieser Klasse schaffen wir richtig viel. Und die Schüler scheinen viel zu verstehen. Nach dem Unterricht gönne ich mir einen Zuckerrohrsaft.
Gegen Mittag gehe ich die Runde von gestern spazieren, in umgekehrter Richtung. Mein Ziel ist ein Stand, an dem man Banh Mi (vietnamesische Sandwichs) kaufen kann. Ich liebe es hier in Prek Chrey spazieren zu gehen. Links und rechts sind Reisfelder, die bestellt werden. Viele von den Bauern tragen Kegelhütte, die gut vor der Sonne schützen. Auf meinem Weg passiere ich einen Checkpoint der Grenzpolizei, der einzige Polizist ist aber am Handy und bemerkt mich gar nicht. Ein Moped überholt mich.
Vor mir auf dem Weg grasen zwei freilaufende Kühe, an denen ich vorbei muss. Ich komme mir vor, wie ein Cowboy aus einem Western, oder sollte es eher „Eastern“ heißen?
Donnerstag – 18.12.2025:
Donnerstag ist der letzte Unterrichtstag für mich. Dieses mal ist wieder die siebte Klasse dran, die ich schon am Montag unterrichtet habe. Chan und ich haben für heute etwas Besonderes geplant!
Zunächst wiederholen wir aber die neuen Vokabeln und Fragen von letzter Stunde und machen Übungen zu dem Thema aus dem Englischbuch. In der zweiten Stunde wird es aber richtig weihnachtlich. Zunächst frage ich die Schüler nach ihren Lieblingsfeiertagen: die meisten mögen die kambodschanischen Feste Pchum Ben, das Wasserfest und das kambodschanisches Neujahrsfest. Dann erzähle ich ihnen von Weihnachten als mein Lieblingsfest. Besonders groß sind die Unterschiede zwischen Festen in Kambodscha und Deutschland nicht, stellen die Schüler fest. In beiden Ländern verbringen Familien Zeit zusammen und essen. Die Musik unterscheidet sich aber doch deutlich. Um in Weihnachtsstimmung zu kommen, singen und analysieren wir „Santa Claus is coming to town“ . Zum Schluss verteile ich, fast wie der echte Weihnachtsmann, Süßigkeiten. Die Idee stammt von meinem Kollegen Chan und kommt bei den Kindern – wer hätte es gedacht – richtig gut an! Auch die anderen Klassen bekommen Süßigkeiten ab.
Mit einer Musikbox auf dem Arm, aus der Weihnachstlieder dudeln, gehen Chan und ich nach dem Unterricht bei 30°C zurück zum Büro.
Abends will ich eigentlich wieder zum Fußball- und Badmintontraining mitkommen. Der überaus schöne Sonnenuntergang auf der Straße vor dem Büro hält mich aber davon ab. Ich beobachte, wie die Sonne sich langsam über die Reisfelder senkt. Die Schatten, die das benachbarte buddhistische Kloster wirft, werden länger. Ein paar Straßenhunde tummeln sich vor dem Eingangstor. Die Zeit in Prek Chrey nähert sich dem Ende.
Freitag - 19.12.2025:
Am nächsten Morgen heißt es: früh aufstehen. Um 6 Uhr soll das Gruppentaxi laut Plan losfahren. Deshalb stehe ich schon um fünf Uhr morgens auf. Meine Gastfamilie ist auch schon wach (nicht weil ich besonders laut war *hoffe ich zumindest mal*, der Tagesrhythmus ist hier einfach so). Weil ich so früh aufstehen musste, kann ich immerhin den Sonnenaufgang mitnehmen.
Eigentlich will ich im Taxi schlafen, aber Chan, der mich morgens noch verabschiedet, spendiert mir einen Kaffee, den ich einfach nicht ablehnen kann! Um halb 7 Uhr geht es dann endlich los. Der alte Mercedes-Kleinbus ist vollgepackt mit Waren, ich bin aber zunächst der einzige Passagier. Auf dem Weg hält der Bus noch ein paar Mal und zwei weitere Männer steigen ein. Perfekt wird das Bild des vollgepackten Kleinbusses, als wir noch zehn lebende Hühner in Pappkartons mitnehmen. Die gackernden und bisweilen wackelnden Kartons wirken echt komisch. Der Hahn, der auf dem Grundstück frei rumläuft, kräht jedoch sichtlich entgeistert. Aber alles Krähen bringt nichts: ein Hühnerkarton nach dem anderen wird auf dem Dach festgezurrt. Nur die letzten beiden Hühner kommen ins Fahrzeuginnere. Während der Fahrt müssen wir die beiden Kartons im Fahrzeuginnenraum ab und zu festhalten, damit die Hühner nicht beim nächsten Schlagloch umkippen.
Zurück in Phnom Penh geht mein Großstadtleben weiter. Bald ist Weihnachten und ich möchte das Fest gerne am Strand feiern. Ich mag die Stadt, aber ich bin froh, dass ich in Prek Chrey meine kleine Oase auf dem Land gefunden habe. Bei meinem Abiball vor einem Jahr hätte ich nie gedacht, dass ich mich so schnell wieder in einem Klassenraum wiederfinden würde. Das Unterrichten hat mir aber echt viel Spaß gemacht und ich glaube, die Schüler hatten auch eine gute Zeit. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch in Prek Chrey!
Nicolas Minke, geschrieben im Dezember 2025 (veröffentlicht im Juni 2026)
Wohn (Name des Englischlehrers)
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