Eintrag 13: Nicolas in ...China

Aktuell mache ich ja einen weltwärts-Freiwilligendienst in Kambodscha. Da Kambodscha geographisch deutlich näher an China ist als Deutschland, habe ich die Gelegenheit für einen Abstecher ins Reich der Mitte genutzt. Sechs Tage lang war ich in Peking, danach fuhr ich mit dem Zug nach Shanghai (die Fahrt mit dem Schnellzug dauert nur 4,5 Stunden), wo ich noch zwei weitere Tage verbrachte, bevor es für mich wieder zurück ging. Interessanterweise war ich zur selben Zeit in Peking, wie der amerikanische Präsident, getroffen haben wir uns aber nicht.

Ich auf dem Tiananmen Platz
 
 

Peking

 Beijinger Skyline

China hat mich echt beeindruckt. Ganz so futuristisch, wie auf Instagram propagiert wird, fand ich das Land zwar nicht (wobei Shanghai doch ein ganzes Stück moderner als Peking wirkt), doch insbesondere im Vergleich zu Kambodscha war der Unterschied in der „Entwicklung“ doch gewaltig. Ich erinnere mich, wie ich mit der Bahn vom Flughafen in die Stadt fuhr, aus dem Fenster blickte und mir dachte, wow, dass sieht ja fast aus wie in Russland oder Belarus. Große Teile Pekings bestehen nämlich aus Plattenbauten, die im Stil an die im Raum der ehemaligen Sowjetunion erinnern. Als ich die Metrostation verließ, war ich (neben dem Kälteschock – nach monatelangen tropischen Temperaturen kommen einem 21°C doch recht kühl vor) vor allem beeindruckt von der Stille! Zwar waren ganz viele Leute auf der Straße unterwegs, doch weil die ganzen Mopeds und die meisten der Autos elektrisch fuhren, hörte man außer einem leichten elektrischen Surren nur den Wind, die Gespräche der Menschen und ein Glockenspiel in der Ferne. 

Als Braunschweiger ist mir direkt aufgefallen, wie viele deutsche Autos, vor allem aber VW's auf den Straßen zu finden sind. Ich hatte gedacht, dass Volkswagen stärker von chinesischen Herstellern verdrängt worden wäre. Allerdings habe ich fast nur Verbrenner-VW's gesehen, fast alle Elektroautos waren hingegen chinesisch. Mal schauen, ob der Autohersteller es schafft in diesem Bereich aufzuholen, oder ob Braunschweiger/Wolfsburger Autos in Zukunft seltener zu sehen sein werden.

Mein Hostel befand sich in einem der alten Hutongs, einem Stadtviertel welches noch zur chinesischen Kaiserzeit gebaut wurde.

 

 
Das erste, was ich merkte, als ich aus der U-Bahn stieg, war die kühle, etwas rauchige Luft. Dann der fehlende Lärm, der in den vergangenen neun Monaten immer präsent war, egal ob auf dem Land oder in der Stadt.
 
 

 

 

Zunächst einmal war es eine Herausforderung das Hostel zu finden. Google Maps ist in China praktisch unbenutzbar und in Kambodscha hatte ich keinen Erfolg beim Installieren der chinesischen Apps. Dank einer Übersetzungsapp und der Hilfe von Einheimischen fand ich, nachdem ich mich mehrere Male verirrt hatte, schließlich doch das Hostel. China befindet sich ja hinter der „Great Firewall“, welche viele westliche Apps und Websites blockiert. Die chinesichen alternativen WeChat, Alipay und BaiduMaps sind deswegen essentiell. Glücklicherweise bekam ich diese drei Apps irgendwie halbwegs zum Laufen.

Unter einem Stein lebt die chinesische Gesellschaft natürlich nicht. Praktisch alle Chinesen, die ich getroffen habe, nutzen, obwohl es eigentlich verboten ist, eine VPN. Nur ich hatte keine! Auch in den Buchläden fand ich eine überraschend breite Literaturauswahl. Neben chinesischen Klassikern fand ich auch Werke von Dostojewski, Hemingway, Kästner und Camus. Ich fand sogar chinesische Übersetzungen von George Orwells 1984 und Animal Farm, laut dem Verkäufer sind Orwells Werke aktuell besonders beliebt. Am amüsantesten fand ich aber, dass ich gleich zwei von Donald Trump geschriebene Autobiographien sowohl auf Englisch als auch auf Chinesisch fand. Vermutlich wissen viele Chinesen deutlich mehr über uns und unsere Gesellschaft, als wir über sie…

 

Bücher, die ich nicht in China erwartet hätte

Besonders spannend fand ich die historischen Sehenswürdigkeiten in und um Beijing. In der Schule gehörte Geschichte zu meinen absoluten Lieblingsfächern und im Leistungskurs Geschichte hatten wir uns ein Semester lang mit der chinesischen Geschichte, genauer gesagt mit der Zeit zwischen den Opiumkriegen bis zur Ausrufung der Volksrepublik beschäftigt. Peking ist eine 3000 Jahre alte Stadt und jede Ecke ist voller spannender Geschichten. Für mich als ehemaligen Geschichts-LK’ler gab es dementsprechend viel zu entdecken!

Auch wenn es eine Herausforderung war, Tickets zu bekommen, gehörte ein Besuch im Nationalmuseum für mich dazu. Neben einer Ausstellung mit Propagandabildern der CCP (interessant für eine geschichtswissenschaftliche Bildanalyse!) und einer weiteren Ausstellung, die die wirtschaftliche Entwicklung Chinas im aktuellen Fünfjahresplan anpreist, gibt es dort eine riesige historische Ausstellung, die die Geschichte Chinas von der Steinzeit bis zum Ende der Qing Dynastie erzählt. Ich bin echt beeindruckt davon, wie früh sich die chinesische Schrift entwickelt hat und wie fortschrittlich und ausgefeilt schon fünftausend Jahre alte Artefakte sind. Chinas Geschichte ist so reich, dass es wohl mehrere Leben bräuchte, um sich wirklich darin auszukennen. Hängen geblieben ist (unter anderem), dass in China vor dreitausend Jahren ein Gefäß entwickelt wurde, welches im Sommer das Bier kalt und im Winter den Wein warm hält. Ein weiterer Funfact ist, dass während der Tang Dynastie dicke, oder sagen wir lieber „gut genährte“, Menschen dem Schönheitsideal entsprachen.

Sollte das Essen während der Tang-Dynastie genauso lecker, wie diese Frühstücks-Teigtaschen gewesen sein, hätte deren Schönheitsideal das Leben definitiv leichter gemacht


Auf den Spuren der Qing

 

Umgeben von roten Mauern spielte sich das Palastleben in der verbotenen Stadt ab 

Ansonsten waren für mich vor allem die mongolische Yuan Dynastie und die Qing Dynastie spannend. Ich hatte vor ein paar Jahren mit meiner Familie die Mongolei besucht und fand es interessant zu sehen, wie die Geschichten dieser beiden Länder miteinander verwoben sind. Die Qing Dynastie hingegen hatten wir sogar im Schuluntericht behandelt. Die Qing Dynastie war die letzte chinesische Kaiserdynastie, welche vom 17. bis zum frühen 20. Jahrhundert regierte.

Die Qing sahen sich als unangefochtene Herrscher, des „Reichs der Mitte“, des in ihren Augen wichtigsten, stärksten und ältesten Reichs. Diese Arroganz führte dazu, dass Modernisierungen verpasst wurden und das Land im 19. Jahrhundert unter einer zunehmend korrupten und ineffizienten Bürokratie anfällig für koloniale und imperialistische Bestrebungen Europas, der USA und Japans wurde. Eigentlich genau die Probleme, die wir im Westen aktuell auch haben. Mit dem Beginn des ersten Opiumkrieges 1939 begann für China des „Jahrhundert der Erniedrigungen“, einer Epoche, in dem imperiale Mächte durch Kriege, Drogenhandel und Ungleiche Verträge, das einst stolze „Reich der Mitte“ zunehmend ausbeuteten und zerstückelten. Rebellionen, Umweltkatastrophen und Hungersnöte gaben dem Reich den Rest. Formal endete das Jahrhundert der Erniedrigung mit der Ausrufung der Volksrepublik im Jahr 1949, doch es sollte Jahrzehnte dauern, bis sich das Land wieder erholte. Lest unbedingt mal ein paar Artikel zu dem Thema, denn das „Jahrhundert der Erniedrigung“ ist zentral, um die heutige Entwicklung Chinas zu verstehen.

Eine Lesart ist, dass China, nachdem es über ein Jahrhundert lang von westlichen Mächten erniedrigt wurde, jetzt dabei ist seinen Status als das „Reich der Mitte“ wieder herzustellen.

Ich fand es spannend zu sehen, wie in China diese Epoche vermittelt wird. Ansonsten fand ich es cool Artefakte, die ich sonst nur im Schulbuch gesehen hatte, in echt zu sehen. So hingen die Gemälde der Kaiser Kangxi und Qianlong, welche auch in unserem Schulbuch abgedruckt waren, an einer Wand. Die Gemälde waren zwar nur Replika, aber egal. Die Abdankungserklärung von Kaiser Puyi war hingegen im Original zu sehen.

 Hinter mir sind Abbildungen Kangxis und Qianlongs, zweier wichtiger Qing Kaiser zu sehen

Ein absolutes Highlight war für mich als Geschichtsnerd natürlich die Verbotene Stadt, von der aus die Kaiser der Ming und Qing Dynastien regierten. Auch, wenn man hier vermutlich endlos viel Zeit verbringen könnte, konnte ich an einem Tag doch einen recht guten Einblick gewinnen. Der Palastkomplex ist riesig und neben den großen Hallen, sind vor allem die Gassen im hinteren der Teil der Verbotenen Stadt spannend. Dort spielte sich der Großteil des Palastlebens, samt seiner Intrigen, ab.

 

  

Imposante Hallen für offizielle Empfänge

 

  
Doch die wirklichen Entscheidungen wurden in den kleinen Innenhöfen im hinteren Teil des Palasts getroffen

 

Fun Fact: Die Qing waren eigentlich gar keine Han-Chinesen, sondern Mandschus. Deswegen findet sich an vielen historischen Orten neben chinesischen Schriftzeichen (links), auch mandschurische Schrift (rechts)

Weitere historische Sehenswürdigkeiten, die ich aus dem Geschichts-LK wiedererkannte, waren der Sommerpalast und die Ruinen des alten Sommerpalastes. Beide wurden von den Briten zerstört. Doch während der Sommerpalast von Kaiserinwitwe Cixi, zumindest teilweise wiederaufgebaut wurde, blieb der alte Sommerpalast zerstört. Für den prächtigen neuen Sommerpalast wurden teilweise auch Mittel zweckentfremdet. Zum Beispiel ließ Cixi mit Mitteln, die eigentlich für die Marine gedacht waren, ein steinernes „Schiff“, also einen Pavillion, der aus Steinen gebaut ist und aussieht, wie ein Schiff, errichten. 

 

 
Cixis steinernes Boot - gebaut mit Mitteln der Marine

 

Ausblick vom "neuen" Sommerpalast, welcher von Cixi wiederaufgebaut wurde 
 

 

Im Gegensatz dazu blieb der alte, einstmals noch prächtigere Sommerpalast, nach der Zerstörung durch die Briten und Franzosen in Ruinen 
 
 
 Aus dem ehemaligen Palast ist ein Mahnmal und Park geworden

Deutlich älter war hingegen die berühmte chinesische Mauer, die ich bei einem Tagesausflug besichtigte. Der Blick von der Mauer, über die schroffen Bergketten, ist echt beeindruckend. Man kann sich gut vorstellen, wie dieser Wall vor tausend Jahren als psychologische Barriere zwischen China im Süden und den Nomadenvölkern im Norden diente. 

 

 Und die chinesische Mauer




Shanghai

Nach sechs Tagen in Peking machte ich mich mit dem Zug auf nach Shanghai. Fast wäre ich zum falschen Bahnhof gefahren, aber es ging schließlich alles gut. Während Peking mich, je nach Stadtteil, stark an die kaiserliche Vergangenheit, oder aber an postsowjetische Städte erinnerte, fühlte sich Shanghai fast, wie London an. Das ergibt auch durchaus Sinn, schließlich war Shanghai einer der Städte, in denen China den Briten weitgehende Sonderrechte zugestehen musste. Unter den Briten wurde Shanghai aus einem kleinen Fischerdorf zu einem Handelszentrum. In den zentralen Stadtteilen sehen die Häuser deswegen fast wie in London aus. Außerdem fühlt sich Shanghai extrem kommerziell und ultrakapitalistisch an. Während ich in Peking Schwierigkeiten hatte Souvenirshops zu finden, endeten hier die U-Bahnstationen in gigantischen Shoppingmalls, aus denen man erst einmal hinausfinden musste. Eindrucksvoll fand ich den People’s Square, an dem eine kleine Statue mit Arbeitern, der Übermacht an Hochhäusern und Leuchtreklamen gegenübersteht. Einer gewissen Ironie kann diese Szene nicht entbehren.

 

Die Proletarier halten sich wacker

 

 Doch gegen die Übermacht aus kapitalistischen Leuchtreklamen können sie nichts ausrichten

 

 Hier die Nanjing-Road

Blick auf die Skyline des Stadtteils Pudong 

Witzigerweise war eine ehemalige Mitschülerin zur selben Zeit in Shanghai und wir konnten uns, am anderen Ende der Welt, treffen. Zufälle…

 

 
Einige Gebäude erinnern sehr stark an London 

Insgesamt muss ich sagen, dass ich Peking etwas spannender als Shanghai fand. Ja, Shanghai hat eine beeindruckende Moderne Skyline und die Stadt ist deutlich „schicker“ und moderner als Peking. Aber Shanghais 150 jährige Geschichte kann sich nicht mit der 3000-jährigen Geschichte Pekings messen. Interessante Orte gab es in Shanghai natürlich auch, z.B. den Heiratsmarkt. Es ist quasi ein offline-Tinder, bei dem junge Leute verkuppelt werden. Allerdings habe ich auf dem Markt fast nur ältere Menschen gesehen, die auf der Suche nach dem perfekten Partner für ihre Kinder waren. Ob die Söhne und Töchter denn überhaupt davon wissen, dass sie verkuppelt werden?

 

 
Heiratsmarkt in Shanghai

In China hatte ich eine Menge Erfahrungen gesammelt. Eine Fahrt in einem Polizeiauto hin zur Polizeiwache, war jedoch nicht Teil meines ursprünglichen Reiseplans. Doch, es kommt, wie es kommt…

Okay, bevor Ihr euch fragt, was ich denn angestellt habe. Es ist nicht mal halb so dramatisch, wie es klingtIch hatte einfach meine Kamera in einem Shanghaier Park verloren und musste diese am Abreisetag suchen. Ein junger Mann, der mit seiner Familie im Park war und recht gut Englisch sprach, riet mir dazu, die Polizei anzurufen.

„Die Polizei? Ich dachte man ruft die Polizei nur an, wenn jemand ermordet oder etwas gestohlen wurde“ 

In China ist die Polizei auch dafür da zu helfen, wenn jemand was verloren hat. Darum kannst du einfach die 110 anrufen.

Mit dem Gefühl aus einer Fliege einen Elefanten zu machen, rief ich die 110 an. Zehn Minuten später kamen drei freundliche Polizisten in einem Polizeigolfmobil angefahren. Die Polizisten wollten zunächst meinen Ausweis sehen und wissen, wie meine Kamera denn aussieht. Dann zeigten sie mir ein Photo von meiner Kamera und fragten mich, ob das denn meine sei.

Ja, natürlich!“

You are really lucky!“, sagte der eine Polizist, bevor wir alle zusammen mit dem Polizeigolfmobil durch den Park, hin zur Wache, fuhren. Dort bekam ich die Kamera wieder. Die Polizisten wollten noch ein Photo mit mir machen, vermutlich als Nachweis, dass die Kamera tatsächlich gefunden wurde. Dadurch ermutigt, fragte ich, ob ich denn auch noch ein Photo als Andenken machen dürfte.

 

 Freund und Helfer? Für mich an dem Tag jedenfalls schon

Danach musste ich schnell zurück zum Hostel und dann zum Flughafen, denn um 16:20 Uhr, also in gerade mal fünf Stunden, würde mein Flugzeug schon gen Kambodscha abheben. Um Zeit zu sparen (aber eigentlich vor allem der Erfahrung halber) kürzte ich die Strecke zum Flughafen mit dem Maglev, der Magnetschwebebahn, ab. Am Flughafen schaffte ich es noch ein paar Postkarten abzuschicken, bevor ich genau rechtzeitig am Gate ankam.

 

 
Die Gelegenheit mit dem chinesischen Transrapid zu fahren, konnte ich mir nicht entgehen lassen

Und so endete mein kurzer Aufenthalt in China. Weil es so viel in China zu sehen und zu erleben gab, nutzte ich jede Minute meiner Reise. Rückblickend fühlt es sich eher an, als wäre ich einen ganzen Monat dort gewesen, so viel habe ich in der kurzen Zeit erlebt. Und eines steht fest, irgendwann komme ich sicher wieder!

Ciao, ciao oder Zàijiàn!


Nicolas Minke, 11. Juni 2026


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Eintrag 2: Von Flügen und Feuerschlangen - Anreise Kambodscha

Eintrag 6: Don’t Thai to me? Ein kleiner Überblick über den Thai-Kambodschanischen Konflikt

Eintrag 4: Mein Leben in Kambodscha – kleine Übersicht nach einem Monat